'gebet, ein einfaches weib zu finden'



es ist das dreizehnte der 'gebete der demut' von francis jammes, übertragen von ernst stadler. und weil tivi im vortrag die demut vermisste, folgt das ungesprochene gedicht:






aber demut liegt doch im wunsch, nicht im vortrag. wie sollte eine demütige stimme auch klingen? sie klänge vielleicht unterwürfig oder gar zögerlich, wo doch inbrunst gefragt ist. und wenn man wispert und nicht recht weiß, was man will, wie soll gott da wissen, was man will?

'mein kind! die ächte und tief begründete demuth und einfalt besteht nicht in den äußeren werken, welche nur den schein dieser tugend haben, sondern vielmehr in den inneren werken und uebungen, nämlich in der wahrhaften erwägung deiner nichtigkeit und in der durchaus in allem demüthigen erinnerung an alle deine mängel und armseligkeiten, was die demuth und einfalt des geistes ist. wenn diese wohl begründet ist, dann erst werden die äußeren werke der demuth nützen und zur vollkommenheit gereichen, wenn du nämlich in allen deinen werken und worten stets demüthig von dir selbst denkst, in demuth deiner nichtigkeit dich erinnerst, und alles von dir in wahrheit, einfalt und wahrer liebe gethan wird.'
[des ehrwürdigen bartholomäus holzhauser büchlein von der demuth. aus dem lateinischen übersetzt und vermehrt von michael sintzel. augsburg: kollmann, 1848. p.33]
soweit der fachmann. zugegebenermaßen würde der ehrwürdige herr holzhauser ordentlich staunen, wenn er sähe, was francis jammes von der demut hält - aber er war da gottseidank schon 250 jahre tot, und in analogie zur täglichen bescheidenheit, die man in gebührendem maße anderen entgegenbringen sollte (statt satter selbstüberhebung), ist die demut als bescheidenheit vor gott immer voraussetzung des glaubens, bei moses wie bei maimonides.
(aber hier gibt es eine grenze; das regulativ ist die liebe, ohne liebe entartet demut zum knechtsinn. oder wie der herr geiler von kaysersberg sagt: 'wenn man dich lobt, so henk dich an den stein der demut, laß dich den hinab ziehen bis uf das erdtrich.' aber eben auch nicht weiter.)

auch wenn gott nun im modernen christentum anscheinend ein feineres gehör hat, schon weil durch die entwicklung der physik die räumliche dimension aufgehoben ist und er nicht mehr über allen himmeln thront oder weil er ohnehin bei uns ist alle tage, scheint die deutliche anrufung immernoch ein probates mittel. und da die entfernung zum herrn - wenigstens dem gefühl nach - zuweilen eine beträchtliche ist (sofern keine persönliche unterredung erfolgt - wie beispielsweise bei ezechiel), kann es mit steigender inbrunst auch etwas lauter werden:

'o gott du, neige meinem schrei die ohren,
           sei gnädig mir und merke her, o du gott.'



der vers ist aus dem 'gebet' von jehuda halevi, und der übersetzer franz rosenzweig schreibt im kommentar dazu: 'diese litanei - denn das ist dies stück und will es sein - ist für den gottesdienst des seelenrichtenden neujahrstages bestimmt. es ist nicht zum gelesenwerden gedichtet, sondern zum gebetetwerden.'
und so verneigen wir uns in demut vor den autoritäten und tragen unsere bescheidenen wünsche vor gott [psalm 88,2f. nach luther]:

'herr, gott, mein heiland, ich schreie tag und nacht vor dir.               
lass mein gebet vor dich kommen; neige deine ohren meinem geschrei.'



so soll es sein.



14.01.2013 20:18:25

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